Zofia Mazur
Zofia Mazur

Interview aufgezeichnet:

Oppeln, Polen
29.10.2017

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Zofia Mazur wurde am 24. November 1936 in der 25 km von Lemberg entfernten Stadt Semeniwka geboren. Wie viele andere wurde sie im Zweiten Weltkrieg zwangsumgesiedelt, musste ihr Zuhause verlassen und sich in den Westen begeben. Sie ist die älteste Tochter in der Familie. Sie lebt heute in Oppeln.

Als der Krieg ausbrach, warst Du noch ein kleines Kind. Du kannst Dich bestimmt nicht an viel erinnern, aber woran erinnerst Du Dich am besten?

Wenn ich mit dem Krieg anfangen soll, ist es wahrscheinlich das Jahr 1942 oder 1943, da ich beim Ausbruch des Krieges drei Jahre alt war und mich daran natürlich nicht mehr erinnere. Die ersten Kriegserinnerungen habe ich also aus dem Jahr 1942 oder 1943, als meine Schwester schon gut ein halbes Jahr alt war. Mein Vater war nicht bei uns, daher mussten meine Mutter, mein Bruder, meine sechs Monate alte Schwester und ich uns in dem Keller unseres alten Hauses verstecken, das im Krieg zerstört wurde. Ich weiß nicht, wer es zerstört hatte, ob es die Ukrainer waren oder die Deutschen. Es war das Familienhaus meines Vaters gewesen. Nachdem unser Haus zerstört worden war, waren wir bei den Großeltern, der Eltern meiner Mutter eingezogen. Es war wohl recht weit weg gewesen von diesem Haus, daher gingen wir einen langen Weg, meine Mutter mit meiner kleinen Schwester im Arm und ich mit meinem Bruder. Ich war damals vielleicht sechs Jahre alt, mein Bruder knapp fünf. Wir gingen zurück in den Keller im Haus der Eltern meines Vaters. Meine Mutter war sehr müde, aber mein Bruder und ich riefen die ganze Zeit: „Mama, schneller, schneller!“, weil viele andere auch dorthin auf der Flucht waren. Am anderen Flussufer lag ein ukrainisches Dorf, so wohnten wir damals… Wir flohen damals wahrscheinlich vor den Ukrainern. Ich weiß nicht, wie lange wir in dem Keller saßen, einen Tag oder zwei. Jemand hatte den Eingang zugedeckt, damit man nicht sehen konnte, dass da jemand drin war. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir da drin waren, aber es war nicht einfach, weil dort auch Kleinkinder waren, unter anderem meine Schwester. Manche protestierten, weil die kleinen Kinder weinten und sie befürchteten, jemand könnte es hören. Das ist eine Episode, an die ich mich erinnere. Das ist alles. Ich weiß nur, dass alle immer Angst hatten, ich glaube, vor den Ukrainern. Sie versteckten sich überall, wo es ging.

Was ist mit dem Haus eigentlich passiert?

Ich weiß nicht, wer es zerstört hatte. Es wurde niedergebrannt. Nur der Keller konnte betreten werden. Überall lagen Trümmer, daran erinnere ich mich. Wahrscheinlich wurden dort mehrere Häuser verbrannt, nicht nur unseres. Wir versteckten uns dort, nicht nur wir selbst und unsere Nachbarn, sondern alle, die in der Nähe wohnten.

Was passierte dann?

Danach kehrten wir zurück in das Haus der Eltern meiner Mutter. Sie waren damals schon tot, aber das Haus gehörte der Familie. Mein Onkel wohnte dort. Das Haus war erhalten geblieben, obwohl es nahe an dem ukrainischen Dorf lag. Wahrscheinlich wurde das andere Haus niedergebrannt, weil der Bruder meines Vaters Streit mit den Ukrainern hatte.

Kannst Du Dich noch an etwas erinnern? Zum Beispiel an die Reise in den Westen, als Ihr gezwungen wurdet, das Haus zu verlassen, weil es nicht mehr auf polnischem Staatsgebiet lag?

Das nächste, woran ich mich erinnern kann, ist die Reise vom Osten in den Westen in einem Viehwaggon. Die Bedingungen in diesen Waggons waren furchtbar, wir konnten uns nicht waschen, wir hielten nur an den Bahnhöfen. Dort konnten die Eltern wahrscheinlich ein bisschen Wasser im Eimer auftreiben und uns ein wenig waschen, damit wir nicht komplett von Schmutz bedeckt waren. Läuse waren überall, es war furchtbar, aber ich glaube, dass es im Krieg überall so war. Ich weiß wirklich nicht mehr, wie viele Menschen in so einen Waggon gingen, aber es waren viele. Zwanzig, vielleicht mehr. Einige Familien hatten Kinder dabei. Das war auch schwer, denn die Kinder waren unterschiedlich alt, der eine mochte dies, der andere das, es entwickelten sich immer wieder kleine Streitigkeiten. 5:02, Breslau… Ich glaube nicht, dass noch jemand aus unserer Familie in diesem Waggon war, nur Mama und wir. Die anderen Passagiere, oder auch „Umsiedler“, wie man sie damals nannte, waren uns fremd.

Wo seid ihr ausgestiegen?

Wir sind heile angekommen, wahrscheinlich in Breslau, und dort holte uns mein Vater ab, der nach dem Krieg im Westen geblieben war. Ich weiß nicht, wie er das geschafft hatte, aber er hatte eine Abmachung mit einem Schweden, der einen Bauernhof in Starczów hatte und diesen hinterlassen musste, als er zurück nach Schweden ging. Mein Vater bekam die Vollmacht, nach seinem Bauernhof zu sehen. Als wir ankamen, hatte er dort bereits ein halbes Jahr oder sogar ein Jahr lang gearbeitet. Später wurde dieser schwedische Bauernhof verstaatlicht und in einen Staatlichen landwirtschaftlichen Betrieb umgewandelt wurde, wollte mein Vater nicht mehr dort arbeiten und wir zogen in ein Nachbardorf, das damals Goleniów hieß und heute Kamieniec Ząbkowicki heißt. Dort nahm er sich einen ganz kleinen Bauernhof, der gerade so zum Überleben ausreichte. Wir konnten uns damit nur knapp über Wasser halten, also begann mein Vater, in Kamieniec als Weichenwärter zu arbeiten. Es war damals ein großer Bahnhof, heute ist er etwas verkommen. Dort hat er Vollzeit gearbeitet. Den Bauernhof bewirtschaftete meine Mutter. Es war kein reicher Bauernhof, wir hatten zwar Kühe, Schweine und Hühner, aber kein Pferd, also mussten wir uns das Pferd vom Nachbarn leihen, um unser Feld zu bestellen, aber so half man sich damals unter Nachbarn.

Was war mit den Deutschen, die ebenfalls umgesiedelt wurden? Als Ihr in das neue Haus gezogen seid, lebten da noch Deutsche?

Als mein Vater diesen kleinen Bauernhof in Goleniów übernahm, zogen wir in ein recht großes Haus, in dem noch eine Deutsche wohnte. Ich glaube, sie war wegen einer Krankheit dageblieben und meine Eltern mussten sie eine Zeitlang sogar pflegen, da sie bettlägerig war. Erst als sie gesund wurde, fuhr sie nach Deutschland. Wenn ich mich recht erinnere, lebten dort noch einige deutsche Familien, die erst nach einer gewissen Zeit nach Deutschland gefahren sind.

Wie sah Dein Alltag in der Kriegszeit aus? Erinnerst Du Dich an irgendwelche Eindrücke?

An persönliche Eindrücke kann ich mich leider kaum erinnern. Das waren die einzigen Episoden, die sich bei mir stärker eingeprägt haben. Ich spreche hier nicht vom Spielen mit anderen Kindern, das war ja schließlich normal. Wir siedelten um, als ich in der dritten Klasse war, mein Bruder war zwei Jahre jünger und in der ersten Klasse. Wir gingen beide zur Schule, ja, die Schule funktionierte immer noch. Ich weiß nicht, was man uns dort beibrachte, aber irgendwie kamen wir von Klasse zu Klasse. Die dritte Klasse schloss ich schon im Westen ab. In unserer Umgebung gab es kaum Kriegshandlungen, ich habe nie Bombenangriffe oder dergleichen erlebt. Irgendwo spielten sich nur lokale Streitigkeiten ab, die ich nicht verstand und für die ich mich nicht interessierte. Ich weiß auch, wie ich mit fünf oder sechs Jahren meine Tante in Lemberg besuchte. Sie war die Schwester meines Vaters und lud uns häufig ein. Ich kann mich an eine Episode erinnern. Wir waren nicht vermögend und meine Tante wollte, dass ich mich bei ihr möglichst wohl fühle, also gab sie mir immer Bonbons. Mir gefiel das Licht bei ihr so gut. Ständig knipste ich das Licht ein und aus. Aber ich war damals fünf oder sechs Jahre alt. Ich habe den Krieg wirklich kaum mitbekommen, nur diese zwei Episoden, über die ich berichtet habe, sonst war Ruhe. Ich kann mich nicht erinnern, jemals Hunger gehabt zu haben, ich weiß aber nicht mehr, was wir damals gegessen haben, ob es üppig und gut war. Auf jeden Fall hatte ich keinen Hunger. Kalt war mir auch nicht, ich hatte Schuhe und eine Jacke, die ich anziehen konnte. So schlimm war es also nicht. Nach dem Krieg habe ich mich für all das nicht mehr interessiert und habe versucht, es zu vergessen.