Emilia Kowalska
Emilia Kowalska

Interview recorded:

Pogorzyce, Poland
18.10.2015

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Emilia was the second youngest child in the family. She had three older sisters: Felicja, Stanisława and Krystyna, and one younger brother, Franciszek. When the war broke out, she was ten years old. At the age of fourteen she started working at the locomotive factory “Fablok” and worked there until she retired. In 1946, she married Mieczysław. She has one daughter, Aleksandra, and three sons, Jan, Zbigniew and my father Krzysztof.

Könntest Du Dich bitte vorstellen und etwas über den Krieg erzählen?

Mein Name ist Emilia Kowalska, ich bin 86 Jahre alt. Ich war zehn Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg ausbrach. Ich weiß noch genau, wie wir im September 1939 vor den Deutschen geflohen sind. Wir kamen bis Płaszów, kurz hinter Krakau. Ich war zehn Jahre alt und mein Bruder sieben, ich musste ihn an der Hand führen. Wir gingen zu Fuß und meine Mutter trug meine Schwester auf dem Rücken. In Płaszów verbrachten wir zwei Wochen. Als sich die Situation etwas beruhigt hatte, kehrten wir zurück nach Hause. Wir gingen durch Krakau und die Deutschen fotografierten uns, lachten uns aus. Als wir wieder nach Hause kamen, war alles in Ordnung, in unserem Ort war alles ruhig verlaufen.

Ich weiß noch ganz genau, wie ich mit 14 Jahren 10,5 Stunden täglich im „Fablok“ arbeiten musste. Morgens gingen wir um sechs Uhr zur Arbeit und blieben bis halb fünf, zur Nachtschicht gingen wir um halb acht und blieben bis sechs Uhr morgens. Wir waren noch Kinder. Es war uns nicht ganz bewusst, was los war, wir ignorierten das alles, doch als man anfing, die Maschinen vom „Fablok“ nach Deutschland zu transportieren, wurden uns schlagartig die Augen geöffnet. Auch die Mitarbeiter wurden weggebracht, denen wir uns verbunden fühlten, weil wir ja zusammen gearbeitet hatten, Kollegen gewesen waren. Wir haben ein bisschen geweint, dann kamen wir aber auch darüber hinweg…

Mein Onkel war 52 Jahre alt, als er in Auschwitz ums Leben kam. Von unserem Haus aus konnte man den Feuerschein über dem Lager sehen, weil wir nicht weit von Auschwitz gewohnt haben. Später, nach dem Krieg, habe ich Auschwitz mal besichtigt, aber als ich von da zurückkam, ging es mir ganz schlecht. Ich habe zwei Wochen geweint, ich konnte mich nicht zusammenreißen nach all dem, was ich da gesehen hatte. Diese Kinder, diese kleinen Schühchen, diese Schnuller, diese Fotos, all das… Ich suchte meinen Onkel auf den Fotos, ich hoffte, ihn irgendwo zu finden, bis ich meinen Bus verpasst habe und den nächsten nehmen musste. Ich bin da nie wieder hingefahren, ich brachte es nicht übers Herz. Mein Mann machte sich Sorgen um mich. Er hatte Angst, dass ich verrückt werde. Aber ich war einfach nur emotional, weil ich mich an das alles erinnert habe. Ich kann nicht darüber sprechen, weil mir die Tränen kommen. Ich möchte, dass sich das niemals wiederholt, dass niemand das durchmachen muss, was wir durchmachen mussten.

1945 kam die Befreiung, doch niemand freute sich, als die Russen gekommen waren. Wir lebten in Armut, arbeiteten für ein halbes Brot, ein Paket von der UNRRA. Mein Mann war 15, als er zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert wurde. Er arbeitete bei einem Bauern, aber er hat immer gesagt, dass es ihm da gut ging, weil er Essen bekam und auch alles andere, was er brauchte. Er kehrte 1945 nach Hause zurück und wir haben geheiratet. Aber damals musste man sich alles hart erkämpfen. Wir haben alles selbst von Hand gefertigt, nicht maschinell, wie es heute gemacht wird. Man hat sein Haus selbst gebaut, die Steine selbst zerbröckelt.

Ich war elf Jahre alt und ging zur Schule. Nach dem Unterricht musste ich die ganze Schule putzen, um ein paar Mark nach Hause bringen zu können. Ich habe also bereits als Elfjährige gearbeitet. Dann habe ich auf Kinder aufgepasst. Mit 14 ging ich dann zur Arbeit in die Fabrik. Wenn ich von der Arbeit wiederkam, gingen wir in den Wald, um Tannenzapfen und trockene Stöcke als Heizmaterial zu sammeln, und die Deutschen lachten uns dabei aus und fotografierten uns.

Jeden Tag mittags liefen die Deutschen durchs Dorf und kontrollierten alles. Im Dorf gab es einen Gutshof, in dem einige Leute arbeiteten, darunter auch meine Schwestern. Wir haben heimlich Getreide im Steinmahlgang gemahlen, um Brot backen zu können. Einmal kamen die Deutschen mittags, als unsere Cousine gerade bei uns am Mahlen war. Sie nahmen uns den Stein weg und zerbrachen ihn, damit wir das nicht mehr machen konnten, aber unsere Mutter hat den Stein irgendwie repariert und wir mahlten nachts heimlich weiter.

Wir strickten. Meine Schwester wohnte in Bielsko und wir fuhren mit dem Zug über Auschwitz dahin. Manchmal habe ich Häftlinge gesehen, aber ich war zu jung, um es zu verstehen… Wir brachten Wolle aus Bielsko mit, die wir uns um die Taille legten. Wenn sie uns in Auschwitz kontrolliert hätten, hätten wir es nicht überlebt… Aber wir haben es immer mit der Wolle nach Hause geschafft und haben Pullover gestrickt. Dann haben wir sie verkauft, um Essen und Kleidung kaufen zu können. Unsere Mutter schaffte die Wolle aus dem Haus und versteckte sie in Heuhaufen, damit sie nicht gefunden würde, falls man uns kontrollieren sollte. Die Menschen waren damals so falsch, einer meldete den anderen, und wenn jemand ins Lager geschickt wurde, kam er nie wieder zurück.

Die Schwester meines Mannes war 15 Monate lang in Auschwitz, darunter auch eine Zeitlang im Todesblock. Als ich Auschwitz besuchte, habe ich die Zelle gesehen, in der Pater Kolbe [St. Maximilian Kolbe] starb. Es war ein Käfig, in dem man sich weder hinsetzen noch hinlegen konnte, man musste so lange stehen, bis man gestorben war. Die Schwester meines Mannes hatte kleine Kinder, ein fünfjähriges und ein einjähriges. Einmal kam eine deutsche Frau und wollte die Kinder mitnehmen zu ihrem Mann, der in Deutschland arbeitete. Aber der Bruder meines Mannes flehte sie an, die Kinder bei seiner Mutter, meiner Schwiegermutter, bleiben zu lassen. Früher waren das für uns sehr emotionale Themen, heute entschwindet das alles zunehmend aus dem Gedächtnis. Ich würde den lieben Gott gerne bitten, dass es nie wieder Kriege gibt, aber wenn ich das alles jetzt höre und sehe… Ich würde überallhin reisen, nur nicht nach Deutschland. Wenn ich jemanden „Halt!“ rufen hören würde, würde mein Herz stehenbleiben, weil ich mich an die Worte von damals erinnere, ich kenne sie nur zu gut.

Meine Mama hatte eine Nachbarin, mit der sie in Chrzanów zusammen arbeitete und sie wurden beide gleichzeitig krank. Einmal gab sie mir einen Liter Milch in einer Flasche und bat mich, sie der Nachbarin zu bringen. Ich war auf dem Weg, als plötzlich ein Deutscher mit einem Hund auftauchte. Mir blieb das Herz vor Angst stehen, weil ich dachte, wenn er mich kontrollierte, käme ich nie wieder heim. Als ich im „Fablok“ gearbeitet habe, hat einmal eine Kollegin einer anderen ein Stück Margarine mitgebracht und wurde dafür ins Lager geschickt.

Die Russen waren schon in Płaza und die Deutschen in Pogorzyce [Dörfer in der Nähe von Auschwitz], nicht weit weg von uns. In unserem Feld standen Kartoffel- und Rübenmieten für den Winter. Die Deutschen versteckten sich hinter diesen Mieten und die Russen schossen auf sie. So flogen die Kugeln zwei Wochen lang hin und her und wir saßen alle im Keller. Einmal ging meine Schwester raus, um etwas aus dem Haus zu holen, und sie hatte viel Glück, denn kaum war sie vorbeigegangen, traf eine Kugel die Tür.

Die Deutschen hatten ihre Pferde in unserer Scheune stehen lassen und die Russen haben während der Schießerei alle Pferde durch die Scheunentür erschossen, sie mussten dann ihre leblosen Körper da rausziehen. Nach dem Einmarsch suchten sich die Russen zwei Häuser in Pogorzyce aus, in denen sie ihre Sender installierten. Ich schaute ihnen dabei zu und sie scheuchten mich weg. Damals habe ich es nicht verstanden, ich habe ja nur aus reiner Neugier zugeschaut. Einer von ihnen war ein älterer Kapitän und in dem anderen Haus war ein Major, und im Feld stand eine Feldküche. Sie suchten nach gemauerten Häusern, denn rundherum standen lauter alte Häuser. Ich weiß noch, wie der russische Major zu meiner Mutter sagte, dass wir da weggehen sollten, weil wir schon junge Damen waren und er seine Soldaten nicht alle im Auge behalten konnte. Sie trugen die Sachen, die sie geraubt hatten, bei sich und verkauften sie. In Zagórze [Dorf in der Nähe von Auschwitz] haben sie in einem Keller sehr viele Frauen vergewaltigt. Diese Armee war der letzte Pöbel, wie frisch aus dem Gefängnis entlassen. Die Tochter von dem einen, der bei uns in Zagórze stationiert war, war Sanitäterin und er erfuhr, dass sie ums Leben gekommen war.

Sehr viele Menschen zogen Richtung Auschwitz und Libiąż [Nachbarort von Auschwitz]. Hinter Libiąż, hinterm Berg, standen die Deutschen und schossen, und die Russen preschten blind voraus. Sehr viele Menschen sind da ums Leben gekommen. Die russische Armee hat sich lange in Płaza gehalten. Einmal kam ein deutscher Soldat zu uns und versuchte meiner Mutter zu erklären, dass er bei uns kurz schlafen möchte. Mama hat das Bett für ihn gemacht und ließ ihn schlafen, aber sobald er Schüsse hörte, rannte er sofort aus dem Haus und flüchtete, er ließ sogar seinen Klappspaten da. Als meine Mutter das sah, erschrak sie, denn wenn die Russen reinkommen und das sehen würden, würden sie sagen, dass wir hier Deutsche verstecken und uns alle erschießen. Sie trug alles raus und warf es weg. Ich hatte Mitleid mit den Deutschen, weil sie Befehle bekamen und die ausführen mussten.