Familiengeschichten
Rita Althausen
Interview aufgezeichnet: von Mannheim, Deutschland 2018

Rita Althausen

R. Althausen ist stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) und Tochter von Oskar Althausen, der die Pogrome in Mannheim 1938 erlebte.

Wie war das jüdische Leben in Mannheim in den 1920ern bis zu den 1940ern? Wie erging es der Familie Althausen in diesen Jahren? Wie konnte der Vater flüchten, und wie ging es dann weiter?

Mein Vater wurde 1919 in Lampertheim geboren und ging dort zur Schule. Er besuchte die Volksschule in Lampertheim bereits mit viereinhalb Jahren. Es war eigentlich Glück, dass er schon mit viereinhalb eingeschult wurde. Kein Mensch weiß, warum das so früh geschah. Er ist dann mit achteinhalb aufs Gymnasium nach Worms [gegangen]. Er musste dort sogar jeden Tag mit dem Zug hinfahren. Das war das Rudi-Stephan-Gymnasium. Es gibt eine ganz bestimmte Besonderheit in diesem Gymnasium. Es war ein humanistisches [Gymnasium]. Das betone ich, weil dieses Gymnasium mit vorauseilendem Gehorsam bereits am 1. Januar 1934 – das war ganz selten in Deutschland zu dieser Zeit – alle Juden praktisch schon aus dem Unterricht entfernte und, auf gut Deutsch, rausschmiss. Die Unterlagen sind noch da, die haben sie ihm nach dem Krieg zukommen lassen. Das Zeugnis der 10. Klasse, alles [ist] noch da. Dann wollte er eine Lehre machen. Er hat sie auch gemacht in der, wie kann man das sagen, Buchhaltung, Verwaltung. Zum Abschluss kam es natürlich nicht, weil Juden [im Berufsleben] nicht erlaubt waren. Es war nicht erlaubt, eine Berufsausbildung zu machen, mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung abzulegen. Es ging nicht. Dann ist er nach Mannheim [gegangen], hat dort bei einem Anwalt gearbeitet, der sich mit der Migration von jüdischen Menschen beschäftigte. Er war speziell dafür eingesetzt, um Juden, die auswandern wollten, dies zu ermöglichen. Bei ihm arbeitete er bis zu der Deportation 1940. Er lebte in Mannheim, die Familie lebte aber weiter in Lampertheim bis Dezember 1938, weil mein Großvater ein Schmuckgeschäft und [ein Geschäft mit] Ausstattung für Haushaltsbedarf hatte. In der Nacht vom 9. zum 10. Oktober in Lampertheim wurde das Geschäft völlig demoliert, in Trümmer geschlagen. Die Wertsachen wurden auf die Straße geworfen und der Großvater fahr nach Buchenwald. Er wurde nach zwei Monaten wieder entlassen, da war ein vollkommen ausgemergelter, kranker Mann und es war nicht mehr möglich, in Lampertheim das Leben zu fristen, weil Juden damals schon alles verboten war. In der Zeit – man muss auch mal das Positive sagen – als mein Großvater damals im Lager Buchenwald war, gab es auch Menschen, die meine Oma und ihr jüngeres Kind, das 10 Jahre alt war, versorgten, sie haben über den Gartenzaun nachts Lebensmittel geliefert. [Es war die] Bäckerei Schmerker – die gibt’s heute noch in Lampertheim. Das muss man schon offen sagen. Es war dann trotzdem nicht mehr möglich, weil die [Bäcker] dann Gefahr liefen, verhaftet zu werden. Also sind sie [die Familie] nach Mannheim übergesiedelt und lebten hier in Mannheim in den Quadraten in C. Sie konnten öffentliche Einrichtungen überhaupt nicht mehr benutzen. Weder ins Schwimmbad gehen, noch auf der Parkbank sitzen. Viele jüdische Geschäfte wurden von Menschen anderen Glaubens boykottiert, also mussten sie zusammenhalten. 6000 Juden lebten dort in Mannheim letztendlich vor der Deportation. Sie haben sich gegenseitig unterstützt. Das war nicht einfach, mein Großvater war Uhrmacher und versuchte handwerklich tätig zu werden, um die Familie einigermaßen über Wasser zu halten, was aber sehr, sehr schwierig war. Sie hatten ja auch nicht viel. Sie mussten auch viel abgeben, das ist auch alles in den Archiven nachgewiesen, was sie überhaupt nicht mehr besitzen durften. [Sie hatten] So gut wie gar nichts. Das ist nur noch unter dem Existenzminimum gewesen. Das war schon schlimm. Dann kam noch die Deportation am 22. Oktober nach Gurs und dann musste man am Bahnhof noch alles abgeben, was man hatte. Man durfte einen Koffer mitnehmen, 50 kg – wer kann 50 Kilo schleppen? Wer hat überhaupt noch so viel? Man musste das Geld am Bahnhof abgeben und die haben einen kontrolliert, die haben einen gefilzt. Das hat mein Vater erzählt, die haben geguckt, dass man nicht doch etwas mehr Geld dabeigehabt hat. Also sind sie [die Familie] mit ganz, ganz wenig in den Zug gestiegen und wussten nicht, wohin der Zug fährt, das wurde ihnen nicht gesagt. Unterwegs waren sie natürlich Richtung Frankreich, aber wo in Frankreich? Zwischendrin hat der Zug gehalten und es kamen Leute vom Roten Kreuz und haben Tee und Ähnliches reingeschoben. Das ging dann, es waren auch keine Viehwaggons.

Mein Großvater kam aus Lettland, das war damals russisches Protektorat. Der Zar war der Herrscher. Mein Großvater hat dort, als es damals russisch war, Abitur gemacht und ist 1905 – nach dem russisch-japanischen Krieg – geflüchtet, weil da schon die Pogrome losgingen. Dann ist er über die Schweiz nach Deutschland geflüchtet, nach Mannheim, hat aber in Russland noch eine Uhrmacherlehre gemacht, das ging noch. Da habe ich sogar noch das Originaldokument mit der Zarenkrone. Ich habe das hier den Menschen in unserer Gemeinde gezeigt, die können Russisch lesen, es ist noch auf Altrussisch geschrieben. Da steht drin, dass er den Meister abgelegt hat als Uhrmacher. Dann ist er in die Schweiz und dann nach Mannheim gekommen, 1910 war das. [Er kam] Nach Lampertheim und hat da geheiratet. Er war aber Russe. Er war Russe. Lettland, die baltischen Staaten, etc., das war alles russisch. Er war also Russe. Es ist ihm gelungen, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen, aber er war immer „neutralisierter [naturalisierter] Deutscher“, so haben die das genannt. Also kein Deutscher von Ursprung an, sondern einer, der es erworben hat. Das war ein ganz großes Problem für die Emigration. Er hat versucht zu emigrieren, aber das haben sie zum Teil abgelehnt, weil er nur „neutralisierter [naturalisierter] Deutscher“ war. Mein Großvater und mein Vater genauso, weil sie ja verwandt waren. Es ging um meinen Vater. Er galt nur als „neutralisiert [naturalisiert]“ . Man hat den Juden immer den Vorwurf gemacht: „Warum habt ihr nicht versucht zu emigrieren?“ Er hat es versucht, und das Original [den Beweis] habe ich. Ich weiß nicht, wie es meinem Vater gelungen ist, diese ganzen Dokumente aufzubewahren, das muss er hier in Mannheim, bevor er deportiert wurde, irgendwie deponiert haben. Denn es ist da, Gott sei Dank. Er hatte es in einem Ordner, ich habe es erst nach seinem Tod gefunden. Ich habe nie gefragt, woher das kommt. Da steht wirklich drin: Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft. Dann hat er versucht [zu emigrieren]: Königreich Siam, das heutige Thailand. Dann kam die Ablehnung. USA: Ablehnung. Weil er nur „neutralisiert“ [naturalisiert] war und weil er ein junger Mann war und nicht so viel Geld hatte. Klar. Da kann man schon nachweisen, dass viele es doch probiert haben, aber es ist ihnen nicht gelungen. Die haben es ja versucht, dann kam die Ablehnung. Oder die Quote war voll. Dieses „neutralisierter [naturalisierter] Deutscher“ hat zum Nachteil gereicht. Aber andererseits, im Lager in Gurs, war es auch ein Vorteil. Ich sage ja, man muss immer differenzieren. Die [Familie] galten dann immer als Russen. Mein Großvater sprach perfekt Russisch. Den habe ich leider nicht kennengelernt, der ist fünf Monate bevor ich geboren wurde gestorben. Er hatte im Lager, in dem ja auch Russen waren, immer gedolmetscht. Das war ein südfranzösisches Lager. Südfrankreich war ja zunächst nicht besetzt. Erst im November 1942. Als sie dort in den Lagern waren, galten sie zunächst als Russen. Russland stand unter dem Schutz der schwedischen Regierung und der schwedischen Botschaft und als Russen hatten sie einen gewissen Schutz. Dann wurde ganz Frankreich von den Deutschen besetzt und dann musste man auch mit der Deportation in den Osten rechnen. Meinem Vater ist dann die Flucht gelungen, weil er wusste, dass er als junger Mann auf jeden Fall deportiert werden würde.

In Gurs selbst konnte mein Großvater, da habe ich auch eine Kopie [eines Dokuments], als Uhrmacher arbeiten, er brauchte aber Ersatzteile und die bekam er tatsächlich. Jawohl, er bekam die Ersatzteile. Es gab Anträge, dass er Teile von da und da bekommen sollte. Man konnte auch einen Passierschein bekommen, um aus dem Lager rauszukommen. Es war schon schlimm, sie waren eingesperrt. Aber man konnte sich einigermaßen arrangieren. Wie gesagt, weil mein Großvater Russe war, hat er da mehr Vergünstigungen gehabt. Er konnte sich diese Ersatzteile – das war auf Französisch und auf Russisch geschrieben – aus einer anderen Stadt schicken lassen – ich habe das noch. Er bekam dann Schrauben und was weiß ich was er brauchte. Als dann die Deportation 1942 losging, war natürlich Schluss. Dann kam die SS ins Lager. Da war das schon ganz anders. Dann rückte das Lager, das riesengroß war, immer mehr an die Wachstation ran und man konnte sich auch nicht mehr gut verstecken, weil die alles im Blick gehabt haben. Die Franzosen haben gut mitgearbeitet, habe ich ja gesagt, [sie haben] die Listen toll erstellt, mehr Leute darauf geschrieben, als überhaupt von den Nazis gefordert wurde, und dann war es brutal. Dann ging die Deportation wirklich los. Mein Vater hat, wie gesagt, 1942 noch ausgehalten, ist aber dann Januar 1944 geflüchtet. Als junger Mann musste er immer fürchten, weil sie die Jungen wollten. Nachdem er auch diesen [Karl] Farkas, diesen ungarischen Juden, Kommunisten, versteckt hatte, der gesucht wurde. Sie haben ihm unterm Bett ein Schlupfloch gemacht. Da waren ja solche Hütten. Sie haben ihn versteckt und haben gesagt: jetzt ist Schluss, wenn sie ihn da auch erwischen, ist Schluss. Sie müssen die Flucht angehen. Dann ist er [der Vater] mit seinem Bruder [geflüchtet], das war vom kommunistischen, „oppositionistischen“ Widerstand zusammen mit den Basken organisiert. Die Basken waren auch gegen die Nazis und geführt wurden sie von Hirten. Sie kamen durch das Lager, konnten den Maschendraht durchbrechen. Dann standen schon die Basken da, mit Hirtenhunden, die sahen aus wie Kälber, ganz weiß, und es war Januar 1944, da war Schnee. [Sie gingen] Über die Pyrenäen und die Hirtenhunde haben sie geführt. Die kannten den Weg. Und man durfte kein Wort sprechen. Dann kamen sie noch in einen Schneesturm rein, mussten aber weiter, wurden weitergetrieben. Die Wachmannschaften, die Betreuer. diese Führer, [sagten] „weiter, weiter, weiter“, und an einer Stelle mitten auf dem Hügel in den Pyrenäen haben sie gesagt: „jetzt müsst ihr den Weg alleine gehen“. Dann sah mein Vater unten, von dem Hügel, von dem er runtergeguckt hat, einen Bauern auf dem Feld. Da war zwar Schnee, aber der war da auf dem Feld. Er wusste aber nicht, ist er jetzt noch in Frankreich oder schon in Spanien war, weil man unten immer noch SS sah, die hatten ihre Lager unterhalb der Pyrenäen. Dann hat mein Vater aber gewagt, den Hügel da runterzuspringen. Er ist zu diesem Bauern [gegangen], er konnte etwas Spanisch und hat gefragt „Aqui España?“ Also „Ist das Spanien?“. Er hat gesagt „Si, si“. Dann wusste er, dass sie in Spanien waren. Aber das war noch nicht die Rettung. Das war ein armer Bauer, was hat der gemacht, um Geld zu kriegen? Der hat ihn natürlich an Franco verraten, ans Franco-Regime. Da kam die Guardia Civil, die war brutal. Es kam zum Verhör. Sie wurden von der Guardia Civil verhört, was sie denn da zu suchen hätten, wer sie überhaupt sind und bla, bla, bla, bla. Es war ein Deutscher, der sie verhört hat. Ein deutscher Faschist. Mein Vater hat sich als Amerikaner ausgegeben, Americano. Der [Verhörende] hat das natürlich gemerkt, dass er kein Amerikaner ist. Er [der Vater] hat sich auch noch versprochen, das ist so, weil man seine Identität eigentlich nicht verleugnen kann. Er [der Verhörende] hat gefragt, wo er geboren ist, da sagte er [der Vater]: „In Lampertheim“. Dann hat er [der Verhörende] gesagt: „Seit wann liegt denn Lampertheim in den USA?“ Er [der Verhörende] hat gewusst, dass er [der Vater] Deutscher ist, aber er hat ihn nicht verraten. Er [der Verhörende] hat ihn [den Vater] ins Gefängnis gesteckt, in eins der berüchtigtsten Gefängnisse Spaniens, Campo di Meranda am Ebro. In diesem Gefängnis war alles drin. Da waren Schwerverbrecher, Faschisten, Kommunisten, alles, was es gibt. Er hat weiter behauptet, er ist Amerikaner und möchte den Joint [Joint Distribution Committee] sprechen. Joint war damals die amerikanische Hilfsorganisation, die in Europa, soweit es ihnen möglich war, versuchte, Juden das Leben zu retten. Das muss man Franco zugute halten, hat mein Vater immer gesagt, er wurde nicht verraten. Die Gefängnisleitung unter Franco hat diesen Joint zu Hilfe gerufen, jedenfalls kam diese Hilfsorganisation, was gut war, und sie haben meinen Vater und seinem Bruder aus dem Gefängnis geholt. Es gab zu diesem Zeitpunkt nur ganz wenige Juden in Europa, die meisten waren ermordet oder sie waren in KZs. Sie [die Organisation] haben ihn gefragt, wohin er möchte. Da hat er gesagt, er hat noch eine Schwester in Israel, damals Palästina. Sie ist noch bevor der zweite Weltkrieg ausbrach, 1939, mit dem letzten Schiff nach Palästina [ausgewandert]. Auch der Bruder von der Seite meiner Mutter ist mit dem letzten Schiff weg, hat also gerade noch Glück gehabt. Er [der Vater] hat gesagt, er will zu ihr. Sie [die Organisation] haben gesagt, jawohl, sie ermöglichen die Überfahrt. Das war aber auch schwierig, da die Engländer auch eine Quote hatten, die wollten nicht so viele ins Land lassen. Aber zu dem Zeitpunkt wollten auch nicht viele rein. Es gab ja gar keine [Juden]… Er kam nach Cádiz in Südspanien und ist mit einem portugiesischen Schiff, das Kriegsgefangene austauschte, nach Haifa gekommen. Er hat Glück gehabt, die Engländer haben das Schiff durchgelassen, sonst haben sie die Juden in Zypern interniert. Von einem KZ ins andere. Er kam nach Haifa und es ist ihm auch gelungen, seine Schwester wiederzutreffen. Er lebte dann in Palästina und war Engländer, hatte einen englischen Pass.

Attachments

Die Interviews werden in den Originalsprachen oder Transkriptionen davon wiedergegeben, unter Berücksichtigung von nationalen, regionalen und individuellen Sprachmerkmalen.

Spelling error report

The following text will be sent to our editors: