Stepan Horetschyj

“Ich bin vom Charakter her Optimist. Wie schwer es auch war, ich ließ den Kopf nie hängen…”

Ich wurde am 4. Juni 1929 in der kleinen ukrainischen Stadt Rava-Ruska geboren. Ich hatte zwei ältere Schwestern: Vira (geb. 1925) und Xavera (geb. 1927). Mein Vater, Mykhailo Horetschyj, arbeitete als Gehilfe des Lokführers. Meine Mutter Anastasia war Hausfrau.

Mit vier Jahren ging ich in den Kindergarten. Am Morgen hieß es immer: beten, dann frühstücken, dann kam eine Nonne und machte mit uns kreative Aufgaben wie zum Beispiel traditionelle ukrainische Ostereier, Pysanky, bemalen oder Tannenbaumschmuck basteln. Außerdem lernten wir auf Ukrainisch lesen, lernten Gedichte auswendig, tanzten und sangen dabei traditionelle ukrainische Tanzlieder, Kolomyjkas. Oft kam ein Katechet zu uns, Ilya Blawatskyj. Er erklärte uns, dass Gott alle Menschen als einzigartige Geschöpfe erschuf, und lehrte uns Respekt: vor Älteren sowie voreinander.

In meiner Kindheit passte mein Opa Oleksandr oft auf mich auf, den wir liebevoll Saschko nannten. Er nahm an den Kämpfen um Rava-Ruska während des Polnisch-Ukrainischen Krieges von 1918-1919 teil und erzählte mir von den nationalen Befreiungsbewegungen der Ukrainer. Einmal forderte er mich auf, einen Reisigbesen zu holen. Ich tat es. Und dann sagte er: „Brich ihn!“ Aber das gelang mir nicht. Dann sagte er zu mir, ich soll nun versuchen, einzelne Stückchen Reisig zu brechen. Dies gelang mir dann, und er sagte: „Solange wir zusammenhalten, kann uns niemand brechen. Aber wenn jeder für sich allein ist, wird man es tun.“ Über den polnisch-ukrainischen Krieg erzählte mir auch mein Onkel Iwan Kaminskyj, ein Sitscher Schütze in der Armee der Ukrainischen Volksrepublik (1917-1920). Seine Geschichten und die Geschichten meines Opas faszinierten mich.

Ich wuchs unter Patrioten auf. War mit den Brüdern Bohatschewsky, Jurko und Ihor, befreundet. Sie hatten eine große Bibliothek und ich durfte mir Bücher ausleihen. Ich las die ukrainischen Schriftsteller Andrij Tschaikowskyj und Bohdan Lepkyj, ich las auch „Den Sohn der Ukraine“, einen Abenteuerroman über ukrainische Kosaken, der mit Patriotismus und Liebe zur Ukraine gefüllt war. Wir hatten Bögen, Pfeile, und Säbel. Mein Säbel war aus einer Hainbuchenwurzel angefertigt. Wir spielten Krieg mit den polnischen Kindern, unseren Nachbarn, und veranstalteten Turniere. Bei der Familie Bohatschewsky versammelte sich der ukrainische Intellektuellenkreis, die Intelligenz. Die Erwachsenen unterhielten sich über die Ereignisse von 1918. Wir waren auch dabei und hörten zu.

Laienorchester in Rava-Ruska. Oben in der Mitte steht Stepans Onkel Hryhorij, als polnischer Polizist gekleidet, 07.04.1935

In Rava-Ruska blühten ukrainische Gesellschaften und Organisationen: die gesellschaftliche Organisation „Aufklärung“, die für die Entwicklung der Wissenschaft und Kultur sorgte; der „Bund der Ukrainerinnen“; der „Bund der ukrainischen Landwirte“; die Gesellschaft für Bildung und Erziehung der ukrainischen Schüler- und Studentenschaft „Heimische Schule“, die Bildungszeitschriften und Schulbücher herausgab, finanzielle Unterstützung im Bereich Bildung bat und sich für Ukrainisch als Bildungssprache einsetzte; die national und patriotisch geprägten Jugendsportvereine „Luh“ (dt. „Wiese“) und „Sokil“ (dt. „Falke“), die sich für die Sporterziehung der ukrainischen Jugendlichen engagierten; die „Gesellschaft für Grabpflege der Sitscher Schützen“; die Bruderkasse der Bank „Vira“ (de. „Glaube“). Meine Eltern waren aktive Mitglieder der „Aufklärung“, meine Mutter war auch noch beim „Bund der Ukrainerinnen“ dabei. Gemeinsam mit den Erwachsenen organisierten wir Kulturveranstaltungen. Einmal legten die Leute ihr Geld zusammen und errichteten ein Kulturzentrum, „Narodnyj Dim“ (dt. „Gemeinschaftshaus“). Da gab es ein Laientheater, einen Chor, einen Tennisplatz und eine Kita. Genauso wie die Erwachsenen nahmen wir Kinder an den dortigen Theateraufführungen teil und zeigten ukrainische Stücke. Oft war es eine der beliebtesten ukrainischen Komödien „Wer zwei Hasen jagt“ von Mykhailo Starytskyj, der sich darin mit dem Problem der sozialen Ungleichheit auseinandersetzte und die Bürger kritisierte, die auf alles Ukrainische verzichteten und sich russifizieren ließen. Wir zeigten auch das berühmte Drama von Iwan Franko „Gestohlenes Glück“, wo die Brüder der Protagonistin für sie eine Zwangsheirat veranlassen, damit sie ihren Erbanspruch verliert, und dadurch ihr Leben sowie das von ihrem Mann und das von ihrem Geliebten zerstören. Jährlich nach der Erntezeit veranstalteten die „Aufklärung“ und der „Bund der Ukrainerinnen“, von Pfarrern angetrieben, ein großes Fest. Aus den umliegenden Dörfern kamen zu uns Volkshandwerker, Chöre und Tanzgruppen. Die Menschen organisierten Sportwettkämpfe, brachten Stickereien mit, sammelten interessante Souvenirs und nahmen an Versteigerungen teil. Mit dem Geld wurden dann die Bedürfnisse und Angelegenheiten des Kulturzentrums bezahlt. Die polnische Polizei mischte sich da nicht ein und ließ das alles zu, griff jedoch bei den „politischen“ Veranstaltungen ein: am Heldentag, wo man der gefallenen ukrainischen Freiheitskämpfer gedachte, und während der Schewtschenko-Abende – denn da traten Redner auf, die unser Nationalbewusstsein stärkten.

Kinder aus dem Kindergarten nach einem Schewtschenko-Abend. Stepan steht in der zweiten Reihe, vierter von rechts (vor dem Schewtschenko-Porträt), links von ihm stehen Jurko und Ihor Bohatschewskyj, 1935

Vor dem Krieg wurde Rava-Ruska von Menschen verschiedener Nationalitäten bewohnt: Ukrainer, Juden, Polen, Deutsche. Unsere kleine Stadt hatte dementsprechend auch viele verschiedene Gotteshäuser: griechisch-katholisch, römisch-katholisch, protestantisch, zwei polnische Klöster, vier Synagogen und eine deutsche Kirche. Es gab fünf polnische Schulen und ein polnisches Gymnasium. 1936 ging auch ich zur Schule. Ich wollte unbedingt in die national und patriotisch geprägte ukrainische Pfadfinderorganisation „Plast“ aufgenommen werden. Ich hätte nur noch ein Jahr warten müssen, aber im September 1939 begann der Krieg. Die Deutschen besetzten Rava-Ruska…

 

Ich war damals bei den Bohatschewskyjs zu Besuch. Wir saßen zusammen und sahen plötzlich Flugzeuge, die etwas Glänzendes abwarfen. Das sagte Jurko: „Kommt! Die Flugzeuge werfen da was ab! Das müssen wir uns anschauen!“ Da rannten wir hin. Es waren Bomben, die man auf den Bahnhof abwarf. Aber die waren klein und konnten nicht sonderlich viel Schaden anrichten.

Die Nazis blieben zwei Wochen lang in Rava-Ruska. Sie zwangen die Juden dazu, die Stadt sauber zu machen und die Straßen mit ihren Hüten zu fegen. Als die ersten Sowjets kamen, veranstalteten die Juden eine Kundgebung: Sie hielten Porträts von Lenin und Stalin und Plakate mit der Aufschrift „Es lebe die Sowjetunion!“

 

Zusammen mit den Sowjets kam auch die Angst, es herrschte eine bedrückende Stimmung. Überall malte man den populär gewordenen Slogan an die Wände: „Es lebe Genosse Stalin!“ Überall war sowjetische militärische Propaganda: „Wir haben alles!“, „Unsere Fabriken stellen Orangen her!“ und so weiter. Uns war klar, dass das alles eine totale Lüge war, aber wir konnten nichts tun. Dann fingen bei uns die Verhaftungen der lokalen Intellektuellen an. In Rava-Ruska wurden mehrere Dutzend Menschen festgenommen. Die polnische Lehrerin Jankowska (ihr Mann war Offizier, ging zur Armee und kam später bei Katyn ums Leben) sowie die Familie des Richters Leschtschij, die alle im selben Haus wohnten wie wir, hatten 15 Minuten zum Packen und wurden dann abtransportiert. In ihre Wohnungen – da stand alles noch so, wie es die ehemaligen Bewohner in Eile zurückgelassen hatten – zogen zwei Familien ein: die Russen aus Leningrad (heute St. Petersburg) namens Nikiforow und die Ukrainer aus Poltawa namens Katschalka. Der Nikiforow wurde Sparkassenleiter und der Katschalka Vermessungsingenieur. Die Intellektuellen fingen langsam an, die Stadt zu verlassen. In den Westen zogen solche Familien wie Bohatschewskyj (Rechtler), Karpewytsch (Ingenieur), Hotskyj (Arzt). Unsere Familie wurde von den Repressionen verschont, denn mein Vater war bei der Eisenbahn und absolvierte 1939 einen Kurs für Lokführer in Moskau.

Die Sowjets schlossen die Klöster und fast alle Gotteshäuser. In einem der Klöster wurde eine Maschinen-Traktoren-Station errichtet und in der deutschen Kirche ein Speisesaal. Die griechisch-katholische Kirche wurde zu einer orthodoxen. Polnische Schulen und das Gymnasium wurden ebenfalls geschlossen. Zwei Schulen wurden in sowjetische umgewandelt. Man lud Lehrer aus der Ostukraine zu uns ein, die uns unterrichten sollten. Ich ging nochmal in die zweite Klasse, diesmal war es die sowjetische Schule, denn die Sowjets sagten, die Polen hätten uns nichts gelehrt. Diese Schule besuchte ich bis zum Zweiten Weltkrieg.

 

Familie Horetschyj mit Nachbarn. Erste Reihe (von links nach rechts): Schwester Vira (zweite), Stepan, Schwester Xavera. Zweite Reihe: Mutter Anastasia und Großmutter Maria. Im Fenster: Vater Mykhailo, Rava-Ruska, 1957

 

1941 bauten die Deutschen in Rava-Ruska ein riesiges Konzentrationslager „Stalag 325“ für sowjetische Kriegsgefangene, die in Kolonnen entlang unserer Straße marschierten. Einmal sagte meine Mutter: „Die haben Hunger. Wollen wir ihnen mal helfen?“ Sie backte Brot und schnitt es in Scheiben. Und als die Gefangenen vorbeigingen, warfen wir Brot aus dem Fenster. Es begann ein Kampf um das Brot zwischen ihnen. Die Deutschen kamen und schlugen sie. Dann sah ich plötzlich, dass ein Deutscher durch unsere Gartentür zu uns rannte. Und ich sagte: „Mama, ein Deutscher rennt zu unserem Haus!“ Er hätte uns sicherlich erschossen, aber ich sprang aus dem Fenster uns lief davon und meine Mutter versteckte sich im Flur. Später wurden in diesem Lager französische, italienische und belgische Kriegsgefangene festgehalten.

 

Im Zentrum von Rava-Ruska gab es auch ein Getto, Ich sah oft, wie Deutsche Juden erschossen. Der Gestapo-Chef Hans Spet wohnte in einem Haus nebenan. Er ging oft mit seiner Frau Gerda spazieren, und während dieser Spaziergänge besuchten sie oft das Getto zum Judenschießen. Sobald sie einen Juden in der Nähe sahen, erschossen sie ihn: puff! – und als hätte es den Menschen nie gegeben. Einmal kam es so, dass der Gestapo-Chef gerade einen Juden erschießen wollte, doch sein Gewehr war kaputt. Daraufhin zog seine Frau eine Walther P38 aus der Tasche, entsicherte sie und: puff! – da war der Jude schon tot. So eine Art Unterhaltung praktizierten diese Menschen. Die Juden aus unserem Getto in Rava-Ruska wurden ins Vernichtungslager Belzec abtransportiert.

 

Zweimal hätten die Deutschen auch mich selbst beinahe erschossen. Ich fuhr mit dem Fahrrad gerade am Haus des Gestapo-Chefs vorbei. Plötzlich sprang sein Hund auf die Straße. Ich fuhr den Hund an und er heulte. Ich erschrak und rannte weg, war da bereits hinterm Zaun, als ich Schüsse hörte: Der Deutsche rannte nach draußen und schoss auf mich. Aber ich hatte Glück und war schon weg.

 

Ein anderes Mal schoss ein Deutscher auf mich, weil ich meine Skier nicht hergeben wollte. Die Deutschen nahmen den Leuten gute Skier weg – für ihre Armee. Und meine Skier waren echt gut, das war ein Geschenk. Und als meine Freunde und ich einmal den Berg hinunterrasten, sah ich zwei Deutsche von der Geheimen Feldpolizei am Berg vorbeigehen, ohne Gewehre, nur mit ihren Pistolen bewaffnet.

Sie sahen uns, wie wir alle nacheinander runterfuhren, und als sie mich bemerkten, riefen sie sofort: „Halt!“ Ich wollte meine Skier aber nicht hergeben und sagte zu den Jungs, sie sollten mir Platz machen. Da duckte ich mich und raste mit meinen Skiern weg, so schnell ich konnte, und der Deutsche lief mir hinterher. Hätte er gleich geschossen, so hätte er mich wahrscheinlich erwischt. Aber er dachte wohl, er könnte mich noch so fangen. Da war es erst später, dass ich hinter mir seine Pistolenschüsse hörte.

 

In jenen Jahren herrschte eine Hungersnot in den Karpaten. Viele Leute fuhren in die Oblast Wolhynien im Nordwesten der Ukraine, um Weizen zu kaufen. Und jede Woche überfielen die Nazis den Bahnhof von Rava-Ruska. Wenn die Züge kamen, umzingelten sie den Bahnhof. Dann trieben sie alle Menschen aus den Zügen und durchsuchten ihre Taschen. Einmal sah ich, wie ein Deutscher einer gebrechlichen alten Frau ihr kleines 5-10 Kilo schweres Säckchen mit Weizen wegnahm. Sie weinte und bat ihn, ihr dieses Säckchen doch bitte, bitte zurückzugeben. Doch er band die alte Frau mit dem Stacheldraht an einen Pfahl und fing an, sie zu fotografieren. Und ihren Weizen verfütterte er dann an seine Pferde.

 

Unser kulturelles Leben entwickelte sich unter der deutschen Besatzung etwas besser als unter den Sowjets. Die Leute versammelten sich in unserem Kulturzentrum „Narodnyj Dim“ zu Tee-Abenden: Sie sangen, machten bei Theaterstücken mit oder sahen anderen zu und tranken Tee. Zu dieser Zeit schloss sich meine Familie der ukrainischen nationalen Befreiungsbewegung an. Es kamen Mädchen zu uns nach Hause, schlossen sich mit meiner älteren Schwester Vira im Zimmer ein und sprachen über etwas. Sie bereiteten sich darauf, der Organisation Ukrainischer Nationalisten (kurz OUN) beizutreten, und mussten den Dekalog (10 Gebote des ukrainischen Nationalisten) auswendig lernen. Da saß ich an der Tür und hörte zu. Diesen Dekalog hab´ ich im Endeffekt schneller gelernt als sie. Aber ich musste schweigen. Bei uns versteckten sich oft Mitglieder des Untergrunds. Meine Schwester Vira, die als Grundschullehrerin arbeitete, war Verbindungsfrau und hatte den Decknamen „Blonder Zopf“. Auch mein Vater half den Untergrundmitgliedern. Er verkleidete sie als Eisenbahner und so konnten sie den Nazis entkommen, die junge Leute am Bahnhof fingen und als Zwangsarbeiter nach Deutschland schickten. Und dann fuhr die Eisenbahn die Untergrundmitglieder zusammen mit meinem Vater unversehrt bis zu ihrem Bestimmungsort.

 

Die Deutschen schlossen alle Schulen und Gymnasien in Rava-Ruska. Stattdessen gab es nun Handelsschulen und Fachkurse. Aber auch die blieben nicht lange da, ein oder zwei Monate vielleicht, danach wurden auch sie geschlossen. Ich ging damals nicht zur Schule. Als Jugendlicher lief man die Gefahr, von den Deutschen gefangen zu werden, denn sie brauchten Arbeitskräfte, um Schützengräben auszuheben. Deshalb verschaffte mir mein Vater eine Stelle als Kassierer in der Eisenbahner-Kantine, wo deutsche Eisenbahner bedient wurden.

Das Haus der Familie Horetschyj, Woksalna-Straße, Rava-Ruska, 1940-er

Ab 1943 unterrichtete mich der Lehrer Pawlo Bilyk, der in unserem Haus eine Wohnung mietete. Er war sehr gebildet: war auf dem Gymnasium in Rava-Ruska, studierte dann in Lwiw (dt. Lemberg) und habilitierte später in Rom. In den 1930-er Jahren kehrten er und seine Frau nach Rava-Ruska zurück. Ich bereitete mich auf die Aufnahmeprüfungen des Ukrainischen Gymnasiums in Lwiw vor: Der Lehrer unterrichtete mich in Physik, Mathe, ukrainischer Literatur und Latein. Doch bereits nach einem Jahr kamen die Sowjets nach Rava-Ruska und reorganisierten das Schulwesen.

 

In Rava-Ruska wurde eine sowjetische Schule gegründet, die war zehnklassig. Dank der Empfehlung von Pawlo Bilyk, der dort als Geografielehrer tätig war, wurde ich sofort in die achte Klasse aufgenommen. Ein paar Monate später wurde der Lehrer verhaftet und etwa ein Jahr lang im Gefängnis der Stadt Solotschiw, einer Stadt in der Nähe von Lwiw, festgehalten. Nachdem er freigelassen worden war, nahm er seine Lehrtätigkeit wieder auf.

 

Als ich 1947 in der zehnten Klasse war, waren wir 19 Schüler – aber nur zwei von uns waren beim Komsomol, dem kommunistischen Jugendverband der Sowjetunion. Das waren der Russe Schtschetilin von der Insel Sachalin und der Ukrainer Pawlo Wjalyj aus Poltawa. Manchmal kam eine Frau vom Komsomol zu uns, die ein rotes Barett trug und uns für diese Organisation begeistern sollte. Dann sangen wir ihr unsere ukrainischen Lieder vor – und sie ging weg. So kam es, dass ich weder beim Komsomol noch in der sowjetischen kommunistischen Partei war.

 

Nach der Schule fand ich eine Stelle als Kassierer im Depot unseres Bahnhofs. Dort lernte ich die Eisenbahner aus dem Untergrund kennen. Nach der Schließung des Depots wurde ich dank einer weiteren Empfehlung des Lehrers Bilyk zum Leiter vom Rajispolkom, einer sowjetischen Stadtbezirksverwaltung, die bei uns tätig war. In der Zeit fing auch meine Zusammenarbeit mit der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) an. Wir kämpften gegen die Zwangsumsiedlung der Menschen nach Sibirien. Uns wurden Briefe zugeschickt, wo man diese Menschen als Volksschädlinge denunzierte, damit man sie wegschickt. Die verbrannten wir dann immer gleich und warnten die, die umgesiedelt werden sollten. Einmal lud das sowjetische Kriegskommissariat einige Jungs scheinbar zu einer Generalversammlung ein. Doch in Wahrheit war es keine Generalversammlung, sondern man wollte die Jungs dazu zwingen, dem Komsomol beizutreten. Nachdem ich einem von ihnen davon erzählt hatte, war bereits am selben Abend keiner mehr da. Außerdem verbreitete ich unter vertrauenswürdigen Menschen die im Untergrund gedruckten Banknoten, die sogenannten „Bofone“. Diese konnte man gegen eine Geldspende erwerben, die dann der nationalen Befreiungsbewegung zugutekam. Wir engagierten uns auch für den Samisdat, das heißt für die heimliche Produktion und Verbreitung alternativer, nichtkonformer Texte, die von den Normen der Sowjetunion abwichen und im staatlich kontrollierten Verlagswesen nicht veröffentlicht werden durften. Wir druckten auch Flugblätter und Broschüren (zum Beispiel „Wer sind Banderisten1 und was wollen sie?“) und verschickten sie von unserem Bahnhof aus in alle Teile der Ukraine. So konnten auch Menschen aus der Ostukraine lesen und verstehen, wer wir sind. Das Geld vom Verkauf der Bofone übergab ich unsrer Sekretärin Katerina. Sie war Verbindungsfrau, tippte Texte auf einer Schreibmaschine, deren Schrift beim sowjetischen In- und Auslandsgeheimdienst KGB noch nicht registriert war. Die fertigen Texte übergaben wir dann dem Druckereidirektor Wolodymyr Banakh.

 

Einmal kamen zwei als Zivilisten gekleidete Männer zu uns ins Rajispolkom und sagten, dass ich mit ihnen nach Lwiw fahren soll, um beim Oblispolkom, also beim sowjetischen Landesverwaltungsamt, der Oblast Lwiw, einige Dokumente zu durchzusehen. Ich wusste sofort, wer die beiden waren. Auf dem Weg zum Bahnhof mieden wir die Woksalna-Straße, in der ich wohnte, denn meine Nachbarn hätten mich sonst sehen können. Man brachte mich in ein spezielles Abteil, und so fuhr ich mit dem Zug nach Lwiw. Am Eingang zum Bahnhof stand dort ein „Woron“ (dt. „Rabe“), das schwarze Auto der NKWD, oder der sowjetischen Geheimpolizei. Das Auto brachte mich in die Sudowa-Straße, wo sich das KGB-Quartier befand. Die Ermittlung, geleitet von Major Sahajew, begann. Ich sagte ihnen nichts. Mir war aber entfallen, dass ich noch zwei Bofone in meiner Tasche hatte…

 

Die Verhöre begannen. Meistens schleppte man uns gegen eins in der Nacht zum Verhör, dort wurden wir geschlagen und am Morgen ließ man uns nicht schlafen. Um irgendwie ein bisschen zu dösen, stellten wir uns ans Fenster, lehnten uns an die Wand, schauten nach oben und schliefen so im Stehen… Ein anderes Mal, als ich ins Büro des Ermittlers zum Verhör gebracht wurde, sah ich meine Sekretärin Katerina: die Beine übereinandergeschlagen und eine Zigarette im Mund. Sie sagte: „Stepan, du hast mir doch immer Geld für die Bofone gegeben.“ Und ich antwortete nur: „Ich weiß von nichts.“ Aber es gab auch so schon genug Beweise, um mich vor Gericht zu stellen. Wie ich später erfuhr, hatte die sowjetische Geheimpolizei NKWD Katerinas Bruder Andrij verhaftet und dann auch sie gefunden. Ich gebe ihr keine Schuld – denn ich hörte ja die Schreie der armen Mädchen, wenn ich nachts zu den Verhören musste.

Ende Juni 1949 verurteilte mich das Militärgericht nach Artikel 20, 54-1 „a“ zu 25 Jahren Haft. Der Prozess dauerte 15 Minuten. Wir waren zehn Menschen – alle der Untergrundtätigkeit wegen der Untergrunddruckerei in Rava-Ruska beschuldigt: ich, Katerina, ihr Bruder Andrij, der Druckereidirektor und andere involvierte Menschen aus der Druckerei und von der Eisenbahn. Uns wurde die Anklage vorgelesen, dann wurde jedem das letzte Wort gewährt. Ich rezitierte dann ein Gedicht von Iwan Franko, seinen Monolog, wo er sich mutig an die ehrenlosen Richter seiner Zeit wendet und ihnen sagt, sie sollen ihn nicht bemitleiden und in aller Strenge gemäß dem Gesetz verurteilen, jedoch nur dann, wenn sie ihm Hand aufs Herz sagen können, dass er und seine Freunde, die durch Wissenschaft und Kultur ein besseres Leben für die Unterdrückten zu schaffen versuchten, wirklich Unrecht getan haben. Dieses Gedicht rezitierte ich leidenschaftlich im Gerichtssaal. Der sowjetische Oberst sagte mir darauf: „Nun, du wirst im Gefängnis sicherlich verrotten…“ Nach dem Prozess verbrachte ich einige Zeit im Bryhidky-Gefängnis in Lwiw und später im Transitgefängnis № 25.

 

Als wir schon in den Zügen saßen und auf die Abfahrt Richtung Gulag – das waren die sowjetischen Straf- und Arbeitslager – warteten, sah ich meinen Vater. Er stand hinter der Eskorte, die uns bewachte, keine zehn Meter entfernt. Ich rief: „Papa!“ Er sah mich und brach in Tränen aus. Da fuhren wir los. Auf dem Weg ins Lager planten wir unsere Flucht: Wir hatten vor, vom Zug zu springen, aber im entscheidenden Moment, als es schon so weit war und wir gerade runter wollten, rief jemand plötzlich: „Hat jemand Zigaretten?“ Es gab eine Ratte unter uns. Der Zug wurde angehalten und durchsucht, unser Plan war aufgeflogen. Wir wurden ins Straf- und Sonderlager in Kengir, Kasachstan, gebracht. Ich arbeitete im Holzverarbeitungsbetrieb: fällte Bäume mit einer Axt und baute finnische Holzhäuser. Einmal kamen meine Freunde und ich für einen Fluchtversuch für vier Monate ins Lagergefängnis, wo man täglich nur 400 g Brot und eine Suppe zu Essen bekam. Wir überlegten uns, wie man da rauskommt, und der Pole, der mit uns im Gefängnis saß – er hieß Boleslaw Koslowsky und war Hauptmann bei der polnischen Heimatarmee, der Armia Krajowa –, schlug vor, heimlich bis zur Ohnmacht zu hungern. Denn da wurde man ins Krankenhaus gebracht, und nach der Entlassung musste man nicht nochmal ins Gefängnis, sondern kehrte einfach ins Lager zurück. Der Pole sagte: „Ich werde als erster hungern.“ Ich wollte der erste sein, aber er hat sich durchgesetzt. Sechs Tage lang aß er nichts und feuchtete sich nur die Lippen mit einem ins Wasser getauchten Tuch an. Dann sagte ich zu ihm: „Leg dich nun hin – und wir werden schreien, du wärst uns da bereits verreckt.“ Dann wurde er abgeholt. Ich fing an zu hungern. Aber vier Tage später erließ man für uns eine Amnestie. Wie es sich herausstellte, wurde der Leiter des Gulags wegen eines Verstoßes gegen die Vorschriften entlassen. Da kam eine Kommission ins Lager und man ließ uns raus.

 

Aus dem Lagergefängnis wurden wir in die Hochsicherheitsbaracke gebracht, wo es zu einer weiteren Auseinandersetzung kam. Da begegneten wir den Bytowiks (de. etwa „die Alltäglichen“), das heißt solchen Häftlingen, die im Gegensatz zu uns, politischen Häftlingen, „alltäglicher“ Delikte beschuldigt wurden wie zum Beispiel des Mordes, der Vergewaltigung oder des Raubüberfalles – und die es in den Lagern auch viel leichter hatten als wir, weil sie im Unterschied zu uns für das sowjetische Regime nicht gefährlich waren. Die Bytowiks nahmen anderen Häftlingen, auch unseren Jungs, Päckchen weg, die letzteren von ihren Verwandten und Freunden zugeschickt wurden. Der Anführer der Bytowiks war Antonow. Als wir einmal aus der Kantine rauskamen, sagte er zu unserem Freund Jewhen Horoschko: „Hey, du, komm mal her und bring mir noch eine Schüssel Brei.“ Unser Freund sagte nein, woraufhin Antonow ihm einen Schlag versetzte. Da beschlossen wir, den Bytowiks eine Lektion zu erteilen, damit sie Jewhen und andere Jungs in Ruhe lassen. Als die Bytowiks am nächsten Tag in die Baracke reinkamen, sprangen wir von den oberen Pritschen auf sie runter. Eine Prügelei fing an. 15 Meter entfernt von der Baracke stand die Kommandantur. Von da her rannten die Aufseher schnell zu unserer Baracke. Die Bytowiks kriegten Angst, dass man sie nun bestrafen könnte und sie wieder ins Gefängnis kommen würden. „Es gab keine Prügelei!“, riefen sie wie aus einem Munde. Nach diesem Vorfall ging im Lager das Gerücht um, wie hätten in der Baracke die Kriminellen verprügelt.

Einen Monat später wurden wir in ein Arbeitslager in Spask übergeführt und wieder in eine geschlossene Baracke gebracht. Spask wurde als Todesfabrik bezeichnet, denn dorthin schickte man Behinderte und andere Schwerkranke. Trotzdem arbeiteten dort alle. Am Morgen wurden zuerst Bohrlöcher in den Felsen getrieben, dann wurde der Felsen gesprengt. Am nächsten Tag stiegen wir auf den Berg und schleppten die Steine ​​runter. Wer auf Krücken lief, schob einen Stein in die Krücke rein und sprang hinunter. Den Armlosen wurde eine Kiste an den Hals gehängt, wo man Steine reinlegen konnte. Wir blieben zwei Wochen in Spask und wurden dann nach Aktas übergeführt. 

 

Dort arbeitete ich beim Bergbau als Dispatcher und kontrollierte die LKWs, mit denen die freien Lohnarbeiter, die keine Häftlinge waren, ins Lager fuhren und Sand und andere Materialien mitbrachten. Ich sollte die Anzahl der Hin- und Herfahrten notieren, die sie tagsüber machten. Später kamen wir ins Geschäft und machten aus, dass ich ihnen eine extra Fahrt zuschreibe und sie dafür unsere Briefe verschicken, denn wir durften nur zweimal jährlich nach Hause schreiben.

Alle zehn Tage gingen wir in die Banja, um uns zu waschen. Einmal bekamen wir neue Kleidung, die wir vor dem Waschen ablegten. Als wir aus der Banja rauskamen, gab man uns alte, zerrissene Lumpen statt unserer neuen Kleidung. Der Aufseher von der Banja war ein Chinese. Ich war wütend und fing an, unsere gestohlene Kleidung zurückzuverlangen. Daraufhin versuchte der Chinese, mir einen Schlag zu versetzen. Ich sprang zur Seite und schlug ihn. Die anderen Chinesen sprangen auf mich. Ich wehrte mich. Unsere Jungs kamen mir zur Hilfe. Nach dieser Prügelei kehrten wir in unsere Baracke zurück, kurz darauf kam ein Aufseher mit Handschellen. Er brachte mich zum Chinesen. Er bestätigte, dass ich die Prügelei angefangen hatte. Ich kam für zehn Tage in den Kerker: nur nackter Betonfußboden und ein Holzbrett. Man zog mich bis auf die Unterwäsche aus. So saß ich dort. In der Nacht, wenn ich einschlief, rutschte mein Bein vom Holzbrett auf den Betonfußboden. So kam es, dass ich mir einen Nerv im rechten Bein erkältete. Als ich rauskam, konnte ich beim Gehen einfach so umfallen. Bis zum Bergbau, wo wir arbeiteten, waren es etwa zwei Kilometer. Man griff mir unter die Arme und half mir, damit ich zur Arbeit gehen konnte. Und so arbeitete ich dort. Und immer wenn ich gerade nicht arbeiten musste, wärmte ich mein Bein mit dem heißen Sand, den es auf der Baustelle in Hülle und Fülle gab. Das half mir schließlich und alles war wieder gut.

 

In Aktas fingen wir an, an eine kulturelle Wiedergeburt zu denken. Wir organisierten einen Chor, wo wir unsere ukrainischen Volkslieder sangen, und eine Theater-AG, wo wir beliebte ukrainische Klassiker zeigten wie zum Beispiel „Nasar Stodolia“, ein Liebesdrama von Taras Schewtschenko, (ich spielte einen der zwei Hauptprotagonisten) oder „Hofmachung im Dorf Hontschariwka“, eine Komödie des berühmten ukrainischen Schriftstellers Hryhorij Kwitka-Osnowjanenko. Wir hatten vor nichts und niemandem mehr Angst. Kam ein neuer Gefangenentransport zu uns, so sangen hunderte von Männern „Wer die Ukraine liebt“, und die Kriminellen sagten: „Wir gehen da nicht rein.“ Bei allen Auftritten trugen wir unsere traditionelle Volkskleidung: die mit Stickmustern verzierten Hemden Wyschywankas und Pluderhosen, die bei uns Scharowaren heißen. Die Wyschywankas bestickten für uns die Mädchen. Sie hatten Nachtschicht in der Ziegelei – und wenn sie von der Arbeit zurückkamen, versteckten sie unsere Wyschywankas unter den Ziegeln. Wenn wir dann am Morgen zur Arbeit gingen, fanden wir diese, zogen sie an und trugen dann unter der Arbeitskleidung. Die Scharowaren nähten wir aus dem farbigen Matratzenstoff: gelb, rot oder blau.

Von Aktas wurden wir ins Zwischenlager von Qarabas transportiert. Da standen ganz nah an unserem Lager die Lagerhäuser, wo man die Koschukhen, das heißt die traditionellen ukrainischen Lammfellmäntel, der Begleitsoldaten aufbewahrte. Wir machten ein Loch in den Zaun und holten uns diese. In nur einer Nacht machten wir uns warme Mützen für den Winter daraus. Die Schneider schnitten den Stoff zu und wir nähten die Mützen.

 

Einige Monate später wurden wir von Qarabas in ein Lager nach Saran transportiert, und von Saran brachte man uns, mit einem Stopp im Transitgefängnis von Krasnojarsk, nach Norilsk. Dort befand sich das Sonderlager für politische Gefangene, genannt GorLag. Das war im Jahre 1952. Als wir ankamen, wurden wir von Männern empfangen, die die gleiche Kleidung trugen wie wir. Wir nannten sie Hurensöhne: Sie waren ehemalige Kriminelle, Denunzianten, die mit der sowjetischen Regierung ins Geschäft gekommen waren und nun als Aufseher arbeiten durften. Sie fingen gleich an, uns mit ihren Stöcken zu schlagen: Dabei schlugen sie manchen auf die Schultern und manchen auf den Kopf. Der Lagerleiter lachte dann und sagte zu uns: „Seht ihr den Steinbruch da drüben? Da liegen siebzig tausend Nazis begraben. Da werdet ihr auch liegen.“

Porträt von Stepan Horetschyj, von einem deutschen Gefangenen (Luftwaffenoffizier) gemalt, Saran, 26.03.1952

In Norilsk führte ich Tischler- und Malerarbeiten aus. Wir mussten Fenster und Türen verglasen und dann streichen. Da baute man einen Kupferschmelzbetrieb und die Wohnheime für die zukünftigen Arbeiter, in denen wir wohnen durften, solange die Bauarbeiten noch nicht abgeschlossen waren. Wir wohnten in zweistöckigen Häusern. In der Nähe gab es ein Stadion. In der Freizeit spielten wir Fußball. Wir waren vier Kolonnen von Häftlingen, je tausend Mann. Jede Kolonne hatte eine Fußballmannschaft.

 

Die Nachricht von Stalins Tod verursachte einen besonderen Aufschwung unter uns. Damals hörten wir plötzlich traurige Musik aus den Lautsprechern. Wir waren überrascht, denn sonst waren es meist patriotische sowjetische Lieder. Dann sagte jemand aus den Lautsprechern: „Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion, der Führer des sowjetischen Proletariats Genosse Stalin ist gestorben!“. Alle schreiten und pfiffen: Sie waren froh, denn ein Tyrann war gestorben. Aber es gab auch Russen, die weinten.

 

1953 kam es in Norilsk zu einem Aufstand. Wir waren gerade am Arbeiten, als wir Schüsse hörten. Lager 5 war von Lager 4 nämlich nicht weit entfernt. Da kam gerade ein Zug und der Zugfahrer teilte uns mit, dass dort Leute erschossen worden waren. Alle wurden sofort unruhig. Was tun? Es wurde beschlossen. die Arbeit zu stoppen. In unserem Lager wurde Jewhen Hrytsiak zum Anführer des Ganzen. Zur Arbeit gingen wir nicht mehr. Aus den Lautsprechern hörten wir die Lagerleitung zu den Häftlingen sagen: „Genossen Häftlinge, hört nicht auf diese Banderisten! Geht arbeiten!“. Aber niemand tat das. Wir wurden verschiedenartig provoziert. Die Drahtzäune wurden beschädigt – sie wollten, dass wir zu fliehen versuchen. Ich wurde aufgefordert, die beschädigten Stellen im Zaun zu bewachen und mit den Soldaten auf den Wachtürmen zu reden. Ich fragte sie: „Auf wen werdet ihr schießen?“ Manchmal verließen sie daraufhin ihren Posten. Sie wussten, dass ihnen das Militärgericht dafür droht, – und gingen trotzdem weg.

Stepan Horetschyj (zweiter von links) mit ukrainischen politischen Häftlingen, Magadan, 31.03.1955

Wir weigerten uns, den Anweisungen der Lagerleitung Folge zu leisten, und stellten unsere Forderungen, darunter: die Arbeitszeit von 12 auf 8 Stunden verkürzen, Briefwechsel mit Freunden und Angehörigen  zulassen, die Häftlingsnummern von unserer Kleidung entfernen, die Lagerleitung bestrafen.

Die Verhandlungen erstreckten sich über mehrere Wochen. In dieser Zeit verteilten wir alle Aufgaben zwischen uns. Der eine musste Brot schneiden, der andere war für die Küche zuständig und so weiter. Gestohlen wurde nicht mehr. Zu den Gesprächen mit der Lagerleitung gingen wir jetzt nur zu dritt. Deshalb konnten sie nichts von uns erfahren. Früher war es so, dass jemand was sagte – und man landete schon im Kerker. Und nun wollte keiner was sagen.

 

Man versprach uns, unsere Forderungen zu erfüllen. Dem schenkten wir Glauben und fingen wieder an zu arbeiten. Eines Tages kam Oberst Kusnetsow schon wieder zu uns ins Lager. Unsere fünf Anführer, die an den Verhandlungen teilnahmen, wurden mit Handschellen gefesselt und weggebracht. Daraufhin schalteten wir die Sirenen ein und gingen nicht mehr zur Arbeit. Es stellte sich heraus, dass unsere Anführer ins Lager „Nadeschda“ (dt. „Hoffnung“) transportiert wurden und dass es ihnen dort gut geht. Man teilte uns mit: Wenn wir dem nicht glauben, würde man uns alle erschießen. Dann führte man uns aus dem Lager heraus und teilte alle in zwei Gruppen. Ein Teil blieb im Lager und wir, die Jungs vom Karaganda-Gefangenentransport, wurden auch ins Lager „Nadeschda“ transportiert.

 

Da liehen wir uns von der Musik-AG des Lagers eine Gitarre (in den sowjetischen Lagern gab es oft Musik- oder Theater-AGs), setzten uns vor die Baracke und begannen zu singen. Da waren Iwan Popowytsch (nach der Freilassung sang er in einem der bekanntesten ukrainischen Chöre, „Trembita“), der Pfarrer Jaroslaw Prokopowytsch (er arbeitete nach seiner Freilassung wieder als Pfarrer), Mykola Bilous und ich. Iwan spielte Gitarre und wir sangen unsere wehmütigen ukrainischen Lieder. Einmal sahen wir ein Mädchen aus dem Haus der Krankenrevierleiterin, das 10 Meter vom Lager entfernt stand, rausgehen. Draußen setzte sie sich in den Sessel und machte sich ans Sticken oder Stricken. Wir spielten und sangen weiter. Endlich hielt sie es nicht mehr aus und fragte uns: „Wer seid ihr denn nun?“ Wir antworteten: „Wir sind Banderisten, ukrainische Nationalisten.“ Und dann sagte sie: „Mein wertes Mütterchen hat mir gesagt, ihr wärt Schwarzbrenner. Aber ich glaube ihr nicht. So könnten Schwarzbrenner nie im Leben singen.“

 

Etwa einen Monat später wurden meine Kameraden und ich in die Straf- und Arbeitslager von Magadan transportiert: nach „Kholodnyj“ (dt. „Kalt“) und „Jubilejnyj“ (dt. „Zum Jahrestag“). Zuerst arbeitete ich in der Goldfabrik von „Jubilejnyj“ – dorthin wurden wir täglich aus dem Lager „Kholodnyj“ gebracht. Man transportierte uns mit einer Schmalspurbahn in speziellen Käfigen – wie Tiere. Dort wurde ich zum Brigadier, also zum Vorarbeiter einer Arbeitsgruppe in der Fabrik, gewählt. Nach einer Weile begannen wir in der Mine in „Kholodnyj“ zu arbeiten. Eines Tages kam ich zu meiner Brigade und sah die Jungs etwas lesen. „Was macht ihr da?“, fragte ich sie. Und sie sagten: „Morgen legen wir die Lokführer-Prüfung ab, um als Elektrolok-Führer in der Mine arbeiten zu können.“ Ich blätterte die Bedienungsanleitung durch, erinnerte mich an den schulischen Physikunterricht und an ein paar Termini und sagte: „So was könnte ich doch eigentlich auch tun.“ Und die Jungs sagten: „Dann komm doch morgen mit!“ Und so gingen wir zusammen. Und ich bestand die Prüfung erfolgreich. Ich habe immer noch einen Führerschein: „Lokführer AK 2“.

 

Im Lager von Magadan feierten wir Weihnachten. Wir deckten einen festlichen Tisch ein. Da man uns sowieso gewöhnlich Kohl und Brei gab, baten wir die Küchenarbeiter darum, daraus Kohlrouladen mit Brei für uns zuzubereiten. Hering hatten wir auch. Zu jener Zeit zahlte man uns bereits ein bisschen Geld für die Arbeit, da konnten wir im Kiosk ein paar Leckereien für das Fest kaufen. Außerdem bastelten wir eine Weihnachtskrippe: ein deutscher Gefangener machte Gipsfigürchen, wir besorgten etwas Stroh und innendrin wurde alles mit Glühbirnen beleuchtet. Die Jungs machten Wertep: das traditionelle ukrainische Weihnachts-Puppentheater, das man gewöhnlich Nachbarn, Freunden und Verwandten vorführt und dabei Weihnachtslieder singt. Sie klopften bei allen Häftlingen an mit ihrem Wertep und luden alle Nationen zum Fest ein.

Weihnachten im Straf- und Arbeitslager, 2. Hälfte der 1950-er

Im Frühling 1955 wurde ich freigelassen und kehrte nach Hause zurück. Ein Jahr später heiratete ich. Irgendwie wurde alles ruhiger. Die Angst war nicht mehr so groß. Chruschtschow fing an, Stalin ein bisschen zu kritisieren.

 

Ich bin vom Charakter her Optimist. Wie schwer es auch war, ich ließ den Kopf nie hängen. In Rava-Ruska hatte ich nicht die geringste Chance, eine Arbeit zu finden, denn der sowjetische In- und Auslandsgeheimdienst KGB hatte mich ständig im Visier. Deshalb zogen meine Frau und ich nach Schydatschiw. Dort musste ich auch mehrmals „zum Kriegskommisariat“, was eigentlich hieß: das KGB wollte mich sprechen.

 

Ich wollte an der Forstwirtschaftlichen Universität Lwiw studieren. Doch bei den Aufnahmeprüfungen fehlte mir ein Punkt in der Chemieprüfung – ich wurde nicht angenommen. Nächstes Jahr versuchte ich es an der Nationalen Polytechnischen Universität Lwiw und bestand die Aufnahmeprüfungen. Aber ich kassierte eine Absage, da ich in meinem Lebenslauf zugab, im Gulag gesessen zu haben. Als ich es zum dritten Mal versuchte, verschwieg ich die Gulag-Geschichte in meinem Lebenslauf. Da wurde ich angenommen. Man wollte mich nicht anstellen. Sobald man erfuhr, dass ich ein ehemaliger politischer Häftling war – „keine offenen Stellen“. Da half mir der Leiter des Energieunternehmens Lwiw, Oleksij Bohatiuk. Er war bei der sowjetischen Armee, kam in die Kriegsgefangenschaft, konnte dann aber fliehen und war während der Nazibesatzung als Gehilfe des Pfarrers in der kleinen Stadt Khodoriw tätig. In der sowjetischen Zeit studierte er an der Nationalen Polytechnischen Universität Lwiw und bekam später eine Stelle beim Energieunternehmen Lwiw. Er stellte mich als Elektriker an. Nachdem ich eine Zeit lang gearbeitet hatte, sagte der leitende Energie-Ingenieur des Unternehmens zu mir, ich würde für immer Elektriker bleiben müssen und könnte nie Ingenieur werden – wegen meiner Vergangenheit. Anfang der 1960-er Jahre gestand mir außerdem ein Bekannter, der an Krebs erkrankt war, dass er mich im Auftrag des KGB beobachtet hatte.

 

In Schydatschiw kamen unsere Tochter Maria und unser Sohn Jurko, zur Welt. 1984 zogen wir nach Lwiw um. Als ich beim Energieunternehmen Lwiw arbeitete, kam regelmäßig ein Auto und holte mich ab. Man fragte mich nach meinen Freunden und Bekannten, wollte mich für sich gewinnen, damit ich zum Informanten des KGB werde. Einmal fragte ich: „Ihr seid hier zu zweit. Wenn einem von euch gesagt würde, den anderen zu denunzieren, würdet ihr das tun?“ Da sagte der eine zum anderen: „Ach, der verarscht uns doch nur. Gehen wir.“ Nach diesem Vorfall kamen die beiden nicht wieder.

 

Stepan und Synowija Horetschyj mit ihren Kindern, Schydatschiw, 1. Hälfte der 1960-er

Stepan Horetschyj mit seinen Kindern und seinem Schwiegervater, 1960-er

Stepan Horetschyj mit seinen Kindern im Urlaub, nahe Odessa, 2. Hälfte der 1960-er

Stepan Horetschyj mit seinem Hund, Schydatschiw, 1975

 

Anfang der 1990-er Jahre blühte in Lwiw das gesellschaftliche Leben auf. Man veranstaltete Kundgebungen, demonstrierte vor der Universität Lwiw für die ukrainische Sprache. Die ukrainische Partei „Narodnyj Rukh“ (dt. „Volksbewegung“) organisierte 1990 eine Menschenkette, die Ost und West der Ukraine verband und als eine der längsten Menschenketten der Welt gilt. Auch wir beteiligten uns daran. Unser Platz war in der Nähe von Ternopil. Dort fuhren wir hin. Alle Autos waren mit den gelb-blauen ukrainischen Fahnen geschmückt. Das war wirklich sehr inspirierend. Ich spürte es. Ich spürte, dass die Ukraine einheitlich war: von Ost bis West, dass wir alle Ukrainerinnen und Ukrainer sind – und dass man diese Einheitlichkeit nicht zerstören kann; dass man uns nicht zerstören und uns nichts antun kann.

Auf Einladung meines alten Freundes aus Norilsk, Jurko Hrytseliak, schloss ich mich den Aktivitäten der bereits am Anfang erwähnten Organisation „Aufklärung“ an und leitete ab 1998 die „Aufklärung“ des Bezirks Halytskyj in Lwiw. Wir haben auf alle gesellschaftspolitischen Ereignisse in der Ukraine reagiert. Wir traten mit internationalen Organisationen in Kontakt, um über unsere Geschichte zu reden, wir organisierten Konzerte, Treffen, Konferenzen, Runde Tische, Buchpräsentationen und Reisen zu historischen Stätten und Sehenswürdigkeiten, wir schlossen Freundschaften mit anderen Organisationen und waren mit unseren Freunden im Ausland gut vernetzt. Ich habe viele Jahre meines Lebens dieser Sache gewidmet. Nun versuche ich mein Bestes, um unsere Soldaten in der Ostukraine finanziell und moralisch zu unterstützen.

Menschenkette anlässlich des Jahrestages des Zusammenschlusses von der Ukrainischen Volksrepublik und der Westukrainischen Volksrepublik aus 1919. Erster von rechts steht Stepan Horetschyj, nahe Ternopil, 21.01.1990

 

Stepan und Senowija Horetschyj waren 63 Jahre glücklich verheiratet. Stepans Frau starb 2019. Das Ehepaar hat zwei Kinder und drei Enkelkinder.

Stepan Horetschyj mit seiner Familie, um 2000

Stepan Horetschyj mit seiner Frau, Lwiw, 2014

Stepan Horetschyj mit seiner Frau, Lwiw, 2019

Stepan Horetschyj mit seinen Enkelkindern, Lwiw, 2019

Die Geschichte basiert auf Interviews und Gesprächen mit Stepan Horetschyj. Biographische Informationen entsprechen den Tatsachen. Bei der Bearbeitung des Textes der oben geschilderten Erinnerungen wurden keine Gedanken des Erzählers entstellt und sein authentischer Stil erhalten. Die Veröffentlichung wurde vom Erzähler legitimiert.

Aufgeschrieben und bearbeitet von Liudmyla Levcheniuk

 

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